Was bedeutet Palliativmedizin?
Die Weltgesundheitsorganisation definiert Palliativmedizin als die aktive und ganzheitliche Behandlung von Patient:innen mit einer fortschreitenden, weit entwickelten Erkrankung. In dieser Phase ist eine Heilung meist nicht mehr möglich, da die Krankheit nicht mehr auf eine heilende (kurative) Behandlung anspricht. Zusätzlich besitzt die Linderung von Schmerzen sowie psychischen, sozialen und spirituellen Problemen hier die höchste Priorität. Ein immer wichtiger werdendes Thema in der modernen Versorgung ist dabei der Einsatz von Cannabis in der Palliativmedizin als ergänzende Therapieoption.
Der Fokus liegt vor allem darauf, den Betroffenen bis zu ihrem Lebensende eine möglichst hohe Lebensqualität zu ermöglichen. Im Vordergrund steht dabei die Kontrolle belastender Beschwerden sowie die Begleitung der Patient:innen und ihrer Angehörigen.
Wichtig ist: Die Palliativmedizin ist keine „Sterbemedizin“. Sie unterstützt auch in früheren Stadien von unheilbaren Erkrankungen dabei, Patient:innen ein beschwerdearmes, erträgliches Leben zu ermöglichen. Die Palliativmedizin folgt dem Grundsatz von Cicely Saunders: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“
Daher steht diese Form der Versorgung nicht nur Krebspatient:innen offen. Vielmehr hilft sie allen Menschen mit schweren Leiden, wie beispielsweise bei Morbus Parkinson oder Multipler Sklerose.

Cannabis als mögliche Option für Palliativpatient:innen
Laut aktuellen Erhebungen leiden viele Betroffene unter Schwäche, Appetitmangel, Schmerzen und Angst. Daher stellen viele dieser Symptome potenzielle Ansatzpunkte für Medizinalcannabis dar. Durch seine schmerzlindernden und beruhigenden Eigenschaften kann die Therapie mit Cannabis in der Palliativmedizin eine sinnvolle Ergänzung sein.
Durch ihre potenziell schmerzlindernden, übelkeitshemmenden, appetitanregenden, entkrampfenden, schlaffördernden, stimmungsaufhellenden und angstlösenden Eigenschaften kann die Therapie mit Cannabis in der Palliativmedizin eine sinnvolle Ergänzung zur herkömmlichen Symptomkontrolle sein. Auch wenn die wissenschaftliche Evidenz- bzw. Studienlage in Bezug auf Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit von Cannabis besser sein könnte und eine abschließende Beurteilung des therapeutischen Nutzens aktuell nicht möglich ist, berichten Patient:innen und Ärzt:innen immer häufiger von einer Symptomlinderung und einer besseren Lebensqualität durch eine Therapie mit Medizinalcannabis.
Die zwischen 2017 und 2022 vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) durchgeführte Begleiterhebung zeigte bei ca. drei Vierteln der Patient:innen eine symptomübergreifende Verbesserung der Beschwerden. Nebenwirkungen traten zwar auf, fielen aber überwiegend leicht bis moderat aus und führten nur in ca. 8 % der knapp 17.000 vollständigen Datensätze zu einem Therapieabbruch.
Auch in der pädiatrischen Therapie können Cannabinoide bei schweren Erkrankungen bzw. schwerstkranken Kindern zum Einsatz kommen.
Ein weiterer Vorteil: Der Einsatz von Cannabinoiden kann dazu führen, dass weniger starke Schmerzmittel (wie Opioide) benötigt werden. Folglich lassen sich eventuell auch deren Nebenwirkungen reduzieren. Generell sollte die Behandlung jedoch immer in enger Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen.
Für den medizinischen Einsatz von sind verschiedene Darreichungsformen erhältlich bzw. verschreibungsfähig. Es können entweder Teile der Cannabispflanze (getrocknete Blüten), unterschiedliche Pflanzenextrakte oder synthetisch bzw. halbsynthetisch hergestellte Cannabinoide verordnet werden.
Als zugelassene Fertigarzneimittel sind Nabiximols zur Behandlung therapieresistenter mittelschwerer bis schwerer Spastik bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) sowie Nabilon bei nicht auf herkömmliche Therapeutika ansprechender Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Chemotherapie verfügbar.
Patient:innen haben einen gesetzlichen Anspruch auf cannabisbasierte Medikamente bei Vorliegen einer schwerwiegenden Erkrankung, sofern keine Standardtherapie zur Verfügung steht oder diese nicht angewendet werden kann und eine Aussicht auf spürbare positive Einwirkung auf das Krankheitsbild besteht.
Da in der Palliativversorgung die Lebensqualität das wichtigste Ziel ist, sollte immer die angenehmste Form der Einnahme gewählt werden. Gleichzeitig ist Medizinalcannabis meist kein Einzelmittel, sondern Teil eines ganzheitlichen Behandlungsplans.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, Medizinalcannabis ist kein Wundermittel, das die palliative Behandlung komplett verändern wird. Dennoch ist Cannabis in der Palliativmedizin durch seine symptomübergreifende Wirkungsweise und die gute Kombinationsmöglichkeit mit weiteren Medikamenten eine wertvolle zusätzliche Behandlungsoption.
Ein Therapieversuch mit Cannabinoiden kann sinnvoll sein, wenn bei Patient:innen mehrere Symptome wie Schmerzen, Appetitmangel, Übelkeit und Schlafstörungen gemeinsam vorliegen und sich mit den üblichen Standardmaßnahmen nicht ausreichend lindern lassen. So könnten verschiedene Symptome gleichzeitig positiv beeinflusst werden und eine Alternative zu einem Ansatz darstellen, bei dem für eine komplexe Symptombehandlung mehrere Medikamente gegeben werden.
Quellen
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