Spannungskopfschmerzen gehören für viele Menschen zum Alltag. Mal tauchen sie nach einer anstrengenden Woche auf, mal scheinbar grundlos und manchmal begleiten sie Betroffene so lange, dass man sich kaum noch vorstellen kann, wie ein schmerzfreier Tag eigentlich aussieht. Obwohl Spannungskopfschmerzen weltweit zu den häufigsten Kopfschmerzarten zählen, werden sie oft unterschätzt. Der dumpfe Druck hinter der Stirn, das Gefühl eines zu engen Bandes um den Kopf, die bleierne Müdigkeit: Für Betroffene ist das weit mehr als nur eine kleine Störung des Wohlbefindens.
Wenn klassische Mittel wie Ibuprofen, Wärmekissen oder Massagen nur kurz helfen oder die Schmerzen immer wiederkehren, stellt sich irgendwann die Frage, ob medizinisches Cannabis eine sinnvolle Option sein könnte. Genau darauf werfen wir hier einen Blick, ohne Versprechen, aber mit Blick auf das, was wir heute wissen.

Was steckt hinter Spannungskopfschmerzen:
Spannungskopfschmerzen können sehr unterschiedlich auftreten: gelegentlich, mehrmals im Monat oder nahezu täglich. Das Muster ist jedoch meist ähnlich: Der Schmerz ist drückend, nicht pulsierend, eher konstant als stechend. Häufig ist der ganze Kopf betroffen. Und auch wenn man theoretisch weiterarbeiten kann, fühlt es sich praktisch so an, als würde ein unsichtbares Gewicht alles verlangsamen.
Die Ursachen sind selten eindeutig. Oft kommen mehrere Faktoren zusammen: Stress, schlechter oder zu wenig Schlaf, Bewegungsmangel, langes Sitzen, verspannte Nacken- und Schultermuskeln. Viele Betroffene berichten zudem über innere Anspannung, Grübeleien oder depressive Verstimmungen, all das kann die Schmerzempfindlichkeit erhöhen.
Spannungskopfschmerzen sind daher weder ein rein muskuläres Problem noch ausschließlich „psychisch“. Sie entstehen vielmehr aus einem Zusammenspiel verschiedener körperlicher und neurologischer Prozesse, die sich gegenseitig verstärken können.
Was normalerweise hilft und wo die Grenzen liegen:
Bei gelegentlichen Kopfschmerzen sind klassische Schmerzmittel eine sinnvolle und oft wirksame Lösung. Problematisch wird es, wenn man regelmäßig dazu greift, denn zu viel davon kann langfristig zu zusätzlichen Kopfschmerzen führen.
Bei häufigeren oder chronischen Spannungskopfschmerzen verschreiben Ärzt:innen häufig vorbeugende Medikamente wie Amitriptylin in niedriger Dosis. Die Wirkung beruht nicht auf einer „psychischen“ Erkrankung der Patienten, sondern auf der Beeinflussung der Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem sowie auf einer zusätzlichen muskelentspannenden Wirkung. Andere vorbeugende Mittel existieren ebenfalls, sind aber weniger gut untersucht.
Am besten schneiden Patient:innen ab, die verschiedene Bausteine kombinieren: Stress reduzieren, gezielte Physiotherapie, bessere Schlafhygiene, psychologische Unterstützung oder Achtsamkeitstraining. Trotzdem erleben viele einen fortlaufenden Kreislauf aus Schmerzen und Erschöpfung und genau dort kommt medizinisches Cannabis ins Gespräch.
Warum Cannabis überhaupt interessant ist:
Unser Körper verfügt über ein eigenes System zur Regulation von Schmerz, Stress und Stimmung: das Endocannabinoid-System. Seine Botenstoffe docken an Rezeptoren im Nervensystemund Immunsystem an und genau diese Rezeptoren werden auch von THC und CBD angesprochen.
- THC kann entspannen, den Schlaf fördern und die Schmerzverarbeitung beeinflussen, es kann aber auch unerwünschte Effekte wie Unruhe oder Herzklopfen auslösen.
- CBD wirkt nicht berauschend und wird häufig mit angstlösenden, beruhigenden und entzündungshemmenden Eigenschaften in Verbindung gebracht.
Weil Spannungskopfschmerzen oft eine Mischung aus Verspannung, Stress und einer überempfindlichen Schmerzverarbeitung sind, erscheint Cannabis grundsätzlich als mögliche Ergänzung zu bestehenden Therapien.
Was sagen Studien und Erfahrungen:
In Deutschland fehlen derzeit noch belastbare Daten zu Cannabis bei Spannungskopfschmerzen, die Begleiterhebung listet in fünf Jahren gerade einmal 21 Fälle. Die Deutsche Schmerzgesellschaft und die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft sehen daher keinen überzeugenden Nutzen und empfehlen Cannabis nur als letzte Option. Gleichzeitig berichten viele Anwenderinnen und Anwender von Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Schwindel.
Eine Studie stammt von der Washington State University. Die Forschenden werteten 2019 die Daten der Strainprint‑App aus, in der Nutzer:innen ihre Cannabis‑Therapie dokumentieren. In diesem Big‑Data‑Ansatz analysierten sie mehr als 12 000 Kopfschmerz Einträge von rund 1 300 Patient:innen und über 7 400 Migräneanfälle von weiteren 653 Betroffenen. Die Auswertung zeigte: Nach dem Inhalieren sank die gefühlte Schmerzintensität im Durchschnitt um gut 47% bei Kopfschmerzen und knapp 50 % bei Migräne. Gleichzeitig fanden die Wissenschaftler:innen keinen Hinweis auf einen durch Cannabis ausgelösten Übergebrauchs‑Kopfschmerz, beobachteten aber, dass die Nutzer im Verlauf zu höheren Dosen griffen, ein mögliches Zeichen für Toleranzentwicklung. Da hier nur Selbstauskünfte ohne Kontrollgruppe ausgewertet wurden, sehen die Autor:innen die Ergebnisse als erste Hinweise.
Grenzen und Risiken:
Auch wenn Cannabis vielen Menschen helfen kann, hat es, wie jedes Medikament Grenzen und mögliche Nebenwirkungen:
- Müdigkeit
- Konzentrationsprobleme
- subjektives „Benommenheitsgefühl“
- innere Unruhe oder Angst, vor allem bei hohen THC-Dosen
Ein Punkt, der häufig übersehen wird: Wer Cannabis sehr regelmäßig gegen Kopfschmerzen nutzt, kann, ähnlich wie bei Schmerzmitteln, das Risiko für sogenannte Medikamenten-Übergebrauchs Kopfschmerzen erhöhen.
Psychische Vorerkrankungen, mögliche Wechselwirkungen und die individuelle Reaktion auf THC und CBD müssen daher immer ärztlich berücksichtigt werden.
Rechtliche Lage:
Seit 2024 hat sich der Zugang zu medizinischem Cannabis erleichtert: Ärzt:innen dürfen es auf einem regulären Rezept verschreiben. Unter bestimmten Voraussetzungen übernehmen Krankenkassen die Kosten, wenn andere Therapien nicht ausreichend gewirkt haben. Gleichzeitig gibt es weiterhin Qualitätsstandards, Dokumentationspflichten und sich entwickelnde gesetzliche Rahmenbedingungen, gerade im Bereich Telemedizin.
Wie läuft eine Cannabistherapie ab?
Vor einer möglichen Verordnung steht eine gründliche ärztliche Abklärung. Es wird geklärt:
- Liegt tatsächlich ein Spannungskopfschmerz vor?
- Welche Therapien wurden bereits ausprobiert?
- Gibt es Faktoren wie Stress, Schlafprobleme oder muskuläre Verspannungen, die zuerst angegangen werden sollten?
Wenn Cannabis in Frage kommt, beginnt man mit einer sehr niedrigen Dosis, die schrittweise angepasst wird. Ein Kopfschmerztagebuch hilft, Wirkung und Nebenwirkungen nachvollziehbar zu machen.
Wichtig ist: Cannabis funktioniert am besten eingebettet in ein ganzheitliches Behandlungskonzept, nicht als Ersatz dafür, und sollte unbedingt mit dem behandelnden Arzt abgesprochen werden.
Fazit:
Spannungskopfschmerzen können den Alltag erheblich belasten. Viele Patient:innen haben eine lange Liste an Behandlungen hinter sich, bevor sie sich mit dem Thema Cannabis beschäftigen. Für einige Menschen kann es das fehlende Puzzleteil sein, ein Baustein, der Schlaf verbessert, Muskelspannung löst oder den Schmerz erträglicher macht.
Aber Cannabis ist kein Wundermittel. Es ist auch keine erste Wahl. Sondern eine für Menschen, die bereits vieles ausprobiert haben und trotzdem nicht ausreichend entlastet sind.
Mit jeder neuen Studie wird klarer werden, welchen Platz Cannabis künftig in der Behandlung von Spannungskopfschmerzen einnehmen wird. Bis dahin gilt: offen bleiben, realistisch bleiben und jede Therapieentscheidung gemeinsam mit medizinischem Fachpersonal treffen.