Migräne ist weit mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Als neurologische Erkrankung beeinträchtigt sie den Alltag der Betroffenen oft massiv und über mehrere Tage hinweg. In Deutschland leiden Millionen von Menschen unter Schmerzattacken, die oft von Übelkeit, Lichtempfindlichkeit und Sehstörungen begleitet werden. Die Krankheitslast ist immensDie Schübe schränken den Alltag massiv ein, sodass eine normale Teilnahme am gesellschaftlichen und beruflichen Leben vorübergehend unterbrochen wird. Obwohl die moderne Medizin mit Triptanen und Prophylaktika wichtige Werkzeuge bietet, stoßen viele Patient:innen an ihre Grenzen. Entweder wirken die Medikamente nicht ausreichend, oder die Nebenwirkungen sind so belastend, dass der Wunsch nach einer alternativen Therapie bei Migräne immer lauter wird. In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf eine alternative Therapie bei Migräne, die in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus gerückt ist: medizinisches Cannabis.
Das Wichtigste in Kürze
- Migräne ist eine neurologische Erkrankung, an der unter anderem das trigeminovaskuläre System und eine erhöhte Reizverarbeitung im Nervensystem beteiligt sind.
- Das Endocannabinoid-System ist an der Schmerzverarbeitung beteiligt und daher ein möglicher Ansatzpunkt bei Migräne.
- Eine kontrollierte Studie zeigte Vorteile einer verdampften THC-CBD-Kombination bei akuten Migräneattacken.
- CBD allein war in dieser Studie nicht wirksamer als ein Placebo.
- Für die Migräneprophylaxe und langfristige Anwendung fehlen weiterhin belastbare Daten.
- Medizinisches Cannabis ist keine Erstlinientherapie und sollte nur nach ärztlicher Prüfung eingesetzt werden.
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Migräne verstehen: Was während einer Attacke geschieht
Migräne ist weit mehr als ein starker Kopfschmerz. Typisch sind wiederkehrende, häufig einseitige und pulsierende Schmerzen, die sich bei körperlicher Aktivität verstärken können. Viele Patient:innen erleben zusätzlich Übelkeit, Erbrechen sowie eine ausgeprägte Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Bei manchen tritt eine Aura auf. Dabei handelt es sich um vorübergehende neurologische Symptome wie Seh-, Gefühls- oder Sprachstörungen, die meist vor dem Kopfschmerz beginnen, ihn aber auch begleiten können.
An der Entstehung einer Migräne sind mehrere Prozesse beteiligt. Eine wichtige Rolle spielt das trigeminovaskuläre System. Wird dieses Netzwerk aktiviert, setzen Nervenfasern unter anderem das Calcitonin Gene-Related Peptide, kurz CGRP, frei. Dieser Botenstoff trägt dazu bei, dass Schmerzsignale weitergeleitet und entzündungsähnliche Prozesse an den Hirnhäuten begünstigt werden. Gleichzeitig kann die Verarbeitung von Licht, Geräuschen und anderen Reizen verändert sein. Migräne gilt daher als komplexe neurologische Erkrankung mit neurovaskulären Komponenten, nicht lediglich als Folge erweiterter Blutgefäße.
Für die Therapie ist die Unterscheidung zwischen Akutbehandlung und Prophylaxe entscheidend. Akutmedikamente sollen eine beginnende Attacke lindern oder beenden. Eine Prophylaxe wird regelmäßig eingesetzt, um Häufigkeit und Schwere künftiger Attacken zu verringern. Diese beiden Therapieziele müssen auch bei der Bewertung von medizinischem Cannabis getrennt betrachtet werden.
Das Endocannabinoid-System als möglicher Therapieansatz
Das Endocannabinoid-System ist ein körpereigenes Regulationsnetzwerk. Zu ihm gehören die Rezeptoren CB1 und CB2, körpereigene Botenstoffe wie Anandamid sowie Enzyme, die diese Stoffe bilden und abbauen. CB1-Rezeptoren kommen besonders häufig im zentralen Nervensystem vor, während CB2-Rezeptoren vor allem mit Immunprozessen in Verbindung stehen.
Über dieses System beeinflusst der Körper unter anderem die Schmerzverarbeitung, Übelkeit und die Freisetzung verschiedener Botenstoffe. Da mehrere dieser Prozesse auch bei Migräne eine Rolle spielen, wird untersucht, ob Cannabinoide relevante Signalwege verändern können.
Teilweise wird in diesem Zusammenhang die Hypothese eines klinischen Endocannabinoid-Mangels diskutiert. Bislang ist jedoch nicht belegt, dass Patient:innen mit Migräne grundsätzlich unter einem solchen Mangel leiden oder dass medizinisches Cannabis ein definiertes Defizit ausgleichen kann. Das Endocannabinoid-System liefert somit einen plausiblen Forschungsansatz, aber noch keinen eigenständigen Wirksamkeitsnachweis.
Medizinisches Cannabis als alternative Therapie bei Migräne: Die Studienlage
Lange bestand die Datenlage überwiegend aus Befragungen, Fallserien und rückblickenden Beobachtungsstudien. Einige dieser Untersuchungen berichten über eine geringere Schmerzintensität, weniger Begleitsymptome oder eine reduzierte Attackenhäufigkeit. Solche Ergebnisse liefern erste Hinweise, können aber keine sichere Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen. Häufig fehlen Vergleichsgruppen, standardisierte Produkte oder einheitliche Dosierungen.
Was zeigt die Studienlage?
Deutlich aussagekräftiger ist eine veröffentlichte randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Crossover-Studie. Darin wurden 92 Erwachsene aufgenommen, die insgesamt 247 Migräneattacken behandelten. Bei unterschiedlichen Attacken verwendeten sie verdampfte Cannabisblüten mit 6 Prozent THC, 11 Prozent CBD, einer Kombination aus 6 Prozent THC und 11 Prozent CBD oder ein Placeboprodukt.
Die THC-CBD-Kombination war dem Placebo zwei Stunden nach der Anwendung bei drei wichtigen Endpunkten überlegen. Schmerzlinderung, vollständige Schmerzfreiheit und Freiheit von dem jeweils am stärksten belastenden Begleitsymptom. Bei einzelnen Endpunkten hielten die Vorteile bis zu 24 beziehungsweise 48 Stunden an. Die THC-dominante Variante verbesserte zwar die Schmerzlinderung, erreichte aber bei Schmerzfreiheit und dem wichtigsten Begleitsymptom keinen statistisch gesicherten Vorteil. CBD allein war dem Placebo nicht überlegen.
Welche Grenzen hat die Aussagekraft?
Die Ergebnisse beziehen sich ausschließlich auf eine bestimmte verdampfte Blütenzusammensetzung zur Behandlung akuter Attacken. Sie belegen weder die Wirksamkeit beliebiger Cannabisprodukte noch einen vorbeugenden Nutzen von CBD oder Cannabis. Auch zur regelmäßigen Anwendung und langfristigen Sicherheit sind keine verlässlichen Aussagen möglich. Da es sich bisher um eine einzelne kontrollierte Studie mit begrenzter Teilnehmerzahl handelt, sind weitere unabhängige Untersuchungen erforderlich.
Die aktuell gültige deutsche Leitlinie zur Migränetherapie führt medizinisches Cannabis nicht als Standardbehandlung auf. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die kontrollierte Studie zur THC-CBD-Kombination erst nach Fertigstellung der aktuellen Leitlinienfassung veröffentlicht wurde. Bewährte Akutmedikamente, migränespezifische Wirkstoffe und etablierte vorbeugende Verfahren bleiben daher die regulären Ausgangspunkte. Medizinisches Cannabis kommt allenfalls als individuell geprüfte Option infrage, wenn leitliniengerechte Therapien nicht ausreichend helfen, nicht vertragen werden oder im konkreten Fall nicht eingesetzt werden können.
THC, CBD und Terpene: Welche Bestandteile sind relevant?
Cannabisblüten und Cannabisextrakte enthalten zahlreiche Wirkstoffe. Für die medizinische Wirkung sind vor allem THC und CBD relevant. Ihre Effekte unterscheiden sich deutlich, weshalb sich Studienergebnisse zu einem bestimmten Produkt nicht einfach auf andere Zusammensetzungen übertragen lassen.
THC wirkt vor allem über CB1-Rezeptoren im zentralen Nervensystem. Dadurch kann es die Verarbeitung von Schmerzen beeinflussen und Übelkeit reduzieren. Gleichzeitig ist THC psychoaktiv. Je nach Dosis und individueller Empfindlichkeit kann es Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsprobleme, Unruhe oder Angst auslösen. Aus der kontrollierten Studie lässt sich nicht ableiten, dass höhere THC-Gehalte besser wirken oder THC für jede Person mit Migräne geeignet ist.
CBD verursacht nicht die für THC typische berauschende Wirkung und beeinflusst verschiedene Signalwege. Für eine vorbeugende Wirkung bei Migräne fehlen jedoch belastbare klinische Belege. In der beschriebenen Akutstudie war CBD allein nicht wirksamer als das Placebo.
Terpene sind aromatische Pflanzenstoffe, die das Geruchs- und Geschmacksprofil verschiedener Cannabissorten prägen. Häufig wird angenommen, dass sie die Wirkung der Cannabinoide im Sinne eines Entourage-Effekts verändern könnten. Ein klinischer Nachweis, dass bestimmte Terpenprofile Migräneattacken lindern oder verhindern, liegt bislang jedoch nicht vor.
Anwendung und Dosierung in der Praxis
Medizinisches Cannabis kann je nach Verordnung beispielsweise als Blüte zur Inhalation mit einem medizinischen Vaporisator oder als oral eingenommener Extrakt eingesetzt werden. Bei der Inhalation setzt die Wirkung in der Regel schneller ein. Oral eingenommene Präparate wirken meist verzögert, dafür häufig länger. Diese Unterschiede belegen jedoch nicht, dass die jeweilige Darreichungsform bei Migräne wirksam ist. Die kontrollierte Studie untersuchte ausschließlich verdampfte Cannabisblüten bei akuten Attacken. Für orale Extrakte zur Migräneprophylaxe fehlt ein vergleichbarer Nachweis.
Eine allgemein anerkannte Standarddosis für Migräne gibt es nicht. Ärzt:innen müssen Präparat, THC-CBD-Verhältnis, Darreichungsform und Dosierung individuell festlegen. Häufig orientiert sich die Einstellung am Prinzip „Start low, go slow“. Die Behandlung beginnt mit einer niedrigen Dosis, die unter ärztlicher Begleitung schrittweise angepasst wird.
Vor Beginn sollten klare Therapieziele vereinbart werden. Dazu können eine geringere Schmerzintensität, schwächere Begleitsymptome, weniger zusätzliche Akutmedikation oder eine bessere Alltagsfunktion gehören. Ein Kopfschmerztagebuch kann dabei helfen, Wirkung, Nebenwirkungen und Anwendungstage nachvollziehbar zu bewerten.
Chancen, Risiken und die Rolle von Ärzt:innen und Apotheker:innen
Die aktuelle Studie deutet darauf hin, dass eine definierte THC-CBD-Kombination bei akuten Attacken sowohl Schmerzen als auch besonders belastende Begleitsymptome lindern kann. Für Patient:innen, bei denen etablierte Therapien nicht ausreichend wirken oder erhebliche Nebenwirkungen verursachen, kann dies ein Anlass für ein ärztliches Beratungsgespräch sein.
Dem stehen mögliche Nebenwirkungen gegenüber. Dazu zählen unter anderem Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit sowie vorübergehende Einschränkungen von Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Reaktionsfähigkeit. THC kann außerdem Unruhe, Angst oder psychotische Symptome begünstigen und die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Bei häufiger Anwendung muss auch das Risiko einer Abhängigkeit berücksichtigt werden.
Besondere Vorsicht ist unter anderem bei psychotischen Vorerkrankungen, problematischem Substanzgebrauch, bestimmten Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie in Schwangerschaft und Stillzeit erforderlich. Zudem können THC und CBD den Abbau anderer Wirkstoffe beeinflussen oder deren dämpfende Wirkung verstärken. Ärzt:innen und Apotheker:innen sollten deshalb vor Behandlungsbeginn die gesamte Medikation prüfen.
Eine individuelle Prüfung kann vor allem bei erwachsenen Patient:innen mit hoher Krankheitslast sinnvoll sein, wenn angemessen eingesetzte Standardtherapien nicht helfen, nicht vertragen werden oder nicht eingesetzt werden können. Ärzt:innen sichern die Diagnose, prüfen die Indikation und kontrollieren den Therapieverlauf. Apotheker:innen unterstützen bei Fragen zum verordneten Präparat, zur Anwendung und zu möglichen Wechselwirkungen.

Fazit: Alternative Therapie bei Migräne sorgfältig abwägen
Medizinisches Cannabis kann bei Migräne für ausgewählte erwachsene Patient:innen eine ergänzende Therapieoption sein, wenn etablierte Behandlungen nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Eine randomisierte kontrollierte Studie liefert erste belastbare Hinweise, dass eine definierte verdampfte Kombination aus THC und CBD akute Migräneattacken stärker lindern kann als ein Placebo. Daraus lässt sich jedoch keine allgemeine Wirksamkeit für andere Cannabisprodukte oder die Migräneprophylaxe ableiten. Auch die Langzeitwirkung und die optimale Dosierung sind noch nicht ausreichend untersucht. Als alternative Therapie bei Migräne sollte medizinisches Cannabis daher nur nach individueller ärztlicher Prüfung sowie mit klaren Therapiezielen und einer regelmäßigen Kontrolle von Wirkung, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen eingesetzt werden.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Häufige Fragen zu medizinischem Cannabis bei Migräne
Kann medizinisches Cannabis bei Migräne helfen?
Eine kontrollierte Studie liefert erste Hinweise, dass eine bestimmte verdampfte THC-CBD-Kombination akute Migräneattacken lindern kann. Die Ergebnisse lassen sich jedoch nicht automatisch auf andere Cannabisprodukte, Dosierungen oder Darreichungsformen übertragen.
Hilft CBD allein gegen Migräne?
Für eine Wirksamkeit von CBD allein gibt es bisher keine ausreichenden klinischen Belege. In der kontrollierten Studie war die untersuchte CBD-dominante Cannabisblüte bei der Behandlung akuter Migräneattacken nicht wirksamer als ein Placebo.
Kann medizinisches Cannabis Migräneattacken vorbeugen?
Ob medizinisches Cannabis die Häufigkeit oder Schwere zukünftiger Migräneattacken verringern kann, ist noch nicht ausreichend untersucht. Die bisher aussagekräftigste kontrollierte Studie beschäftigte sich ausschließlich mit der Behandlung akuter Attacken und nicht mit der Migräneprophylaxe.
Welche Nebenwirkungen können auftreten?
Mögliche Nebenwirkungen sind unter anderem Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit sowie Einschränkungen der Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit. THC kann außerdem Unruhe, Angst oder psychotische Symptome begünstigen, die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen und bei häufiger Anwendung zu einer Abhängigkeit führen.
Für wen kann medizinisches Cannabis bei Migräne infrage kommen?
Eine ärztliche Prüfung kann insbesondere bei erwachsenen Patient:innen mit hoher Krankheitslast sinnvoll sein, wenn etablierte Therapien keine ausreichende Wirkung zeigen oder nicht vertragen werden. Ärzt:innen müssen dabei mögliche Risiken, Begleiterkrankungen, Wechselwirkungen und die bisherige Migränebehandlung berücksichtigen.
Quellen