Cannabis wird häufig eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben. Tatsächlich zeigen Cannabinoide und weitere Pflanzenstoffe in Labor- und Tierstudien verschiedene Effekte auf Immunzellen und entzündliche Signalwege. Ob Cannabis entzündungshemmend genug wirkt, um eine Erkrankung wirksam zu behandeln, ist jedoch eine andere Frage. Dieser Beitrag erklärt die biologischen Grundlagen, ordnet die klinische Studienlage ein und zeigt, wann eine ärztliche Prüfung infrage kommen kann.
Das Wichtigste in Kürze
- Entzündungen sind natürliche Abwehrreaktionen, können bei dauerhafter Aktivierung aber Gewebe und Organe schädigen.
- THC, CBD und weitere Pflanzenstoffe können in experimentellen Studien entzündliche Signalwege beeinflussen.
- Viele Erkenntnisse stammen aus Zell- und Tiermodellen und lassen sich nicht unmittelbar auf Patient:innen übertragen.
- Eine Verbesserung von Schmerzen oder Wohlbefinden bedeutet nicht automatisch, dass die zugrunde liegende Entzündung zurückgeht.
- Medizinisches Cannabis ersetzt keine etablierte entzündungshemmende Therapie und sollte nur ärztlich begleitet eingesetzt werden.
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Was ist eine Entzündung?
Eine Entzündung ist eine Reaktion des Immunsystems auf schädliche Reize. Dazu gehören beispielsweise Verletzungen, Infektionen oder bestimmte Fremdstoffe. Der Körper versucht, die Ursache der Schädigung zu beseitigen und die Reparatur des betroffenen Gewebes einzuleiten.
Typische Merkmale einer akuten Entzündung sind Rötung, Wärme, Schwellung, Schmerzen und eine eingeschränkte Funktion. Diese Reaktion ist grundsätzlich sinnvoll und klingt normalerweise wieder ab, sobald der Auslöser beseitigt wurde.
Bei einer chronischen Entzündung bleibt das Immunsystem dagegen über längere Zeit aktiv. Dabei können Immunzellen und entzündungsfördernde Botenstoffe, sogenannte Zytokine, dauerhaft auf das Gewebe einwirken. Solche Prozesse spielen unter anderem bei rheumatoider Arthritis, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Psoriasis und Multipler Sklerose eine Rolle.
Eine Entzündung ist jedoch nicht bei jeder Erkrankung gleich. Welche Zellen, Botenstoffe und Organe beteiligt sind, unterscheidet sich deutlich. Deshalb kann nicht von einer allgemeinen Behandlung gesprochen werden, die bei sämtlichen entzündlichen Erkrankungen gleichermaßen wirksam ist.
Wie kann Cannabis entzündungshemmend wirken?
Die Cannabispflanze enthält zahlreiche biologisch aktive Substanzen. Besonders untersucht werden Tetrahydrocannabinol, kurz THC, und Cannabidiol, kurz CBD. Daneben rücken weitere Cannabinoide, Terpene und Flavonoide in den Fokus der Forschung.
Diese Stoffe können unterschiedliche Rezeptoren und Signalwege beeinflussen. Experimentelle Studien zeigen unter anderem Veränderungen bei der Ausschüttung von Zytokinen, der Aktivität bestimmter Immunzellen und der Entstehung von oxidativem Stress. Ob daraus eine klinisch relevante Entzündungshemmung entsteht, hängt allerdings vom Wirkstoff, der Dosis, der Darreichungsform und der jeweiligen Erkrankung ab.
Die Aussage Cannabis wirkt entzündungshemmend beschreibt somit zunächst ein biologisches Potenzial. Sie belegt nicht automatisch, dass Cannabis eine chronisch-entzündliche Erkrankung kontrolliert oder deren Verlauf verlangsamt.
Welche Rolle spielt das Endocannabinoid-System?
Das Endocannabinoid-System, kurz ECS, ist ein körpereigenes Regulationssystem. Es besteht aus Cannabinoid-Rezeptoren, körpereigenen Botenstoffen und Enzymen, die diese Botenstoffe bilden und abbauen. Das System ist unter anderem an der Regulation von Schmerz, Appetit, Stimmung und Immunreaktionen beteiligt.
Zu den bekanntesten Bindungsstellen gehören die Rezeptoren CB1 und CB2. CB1-Rezeptoren kommen besonders häufig im zentralen Nervensystem vor und beeinflussen unter anderem Wahrnehmung und Schmerzverarbeitung. CB2-Rezeptoren finden sich vor allem auf Immunzellen und in verschiedenen peripheren Geweben. Ihre Aktivierung kann entzündliche Reaktionen verändern.
THC kann CB1- und CB2-Rezeptoren direkt aktivieren. CBD bindet dagegen nur schwach an diese Rezeptoren und beeinflusst das ECS sowie weitere Signalwege eher indirekt. Die häufig verwendete Aussage, CBD wirke einfach über CB2, greift daher zu kurz.
Auch die Aktivierung eines bestimmten Rezeptors führt nicht in jeder Situation zur gleichen Wirkung. Das Immunsystem reagiert abhängig von Gewebe, Krankheitsphase, Wirkstoffkonzentration und weiteren Faktoren unterschiedlich.
Wie unterscheiden sich THC und CBD bei Entzündungen?
THC und entzündliche Prozesse
THC ist hauptsächlich für die psychoaktive Wirkung von Cannabis verantwortlich. Über CB1-Rezeptoren kann es die Wahrnehmung von Schmerzen verändern. Gleichzeitig zeigen experimentelle Untersuchungen, dass THC über verschiedene Mechanismen auch Immunreaktionen beeinflussen kann.
Für Patient:innen ist die Unterscheidung zwischen Schmerzlinderung und Entzündungshemmung wichtig. Wenn Schmerzen nachlassen, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass auch die Krankheitsaktivität oder die Gewebeschädigung zurückgeht.
THC kann außerdem unerwünschte Wirkungen wie Schwindel, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Angst oder Veränderungen der Wahrnehmung auslösen. Eine höhere Dosis führt nicht automatisch zu einer stärkeren oder besseren entzündungshemmenden Wirkung.
CBD und entzündliche Prozesse
CBD wirkt nicht berauschend und wird wegen möglicher entzündungshemmender und antioxidativer Eigenschaften untersucht. In Zell- und Tiermodellen beeinflusst CBD unter anderem die Bildung bestimmter Zytokine, oxidativen Stress und verschiedene Signalwege der Immunantwort.
Die experimentellen Ergebnisse sind wissenschaftlich interessant, reichen aber noch nicht aus, um CBD allgemein als Behandlung gegen Entzündungen zu empfehlen. Klinische Studien verwenden zudem sehr unterschiedliche Präparate und Dosierungen. Ergebnisse eines standardisierten Prüfpräparats lassen sich deshalb nicht auf beliebige frei verkäufliche CBD-Öle übertragen.
Welche Bedeutung haben Terpene und Flavonoide?
Neben Cannabinoiden enthält Cannabis Terpene und Flavonoide. Terpene sind vor allem für Geruch und Aroma der Pflanze verantwortlich. Flavonoide gehören zu den sekundären Pflanzenstoffen.
Besonders häufig wird β-Caryophyllen genannt. In einer In-vitro-Studie verringerte das Terpen verschiedene entzündungsfördernde Signalstoffe. Die Blockade des CB2-Rezeptors schwächte diese Effekte ab, was für eine Beteiligung dieses Rezeptors spricht. Da die Ergebnisse aus einem Zellmodell stammen, belegen sie jedoch keine Wirksamkeit bei entzündlichen Erkrankungen des Menschen.
Auch Cannflavine werden auf mögliche entzündungshemmende Eigenschaften untersucht. Cannflavine sind Flavonoide, also sekundäre Pflanzenstoffe der Cannabispflanze. Besonders Cannflavin A und B werden wegen möglicher entzündungshemmender Eigenschaften untersucht. Die bisherigen Erkenntnisse stammen jedoch ausschließlich aus präklinischen Untersuchungen. Aussagen wie Cannflavine wirken stärker als Aspirin beruhen auf Vergleichen einzelner Reaktionswege im Labor und erlauben keinen direkten Vergleich der Wirksamkeit oder Sicherheit bei Patient:innen.
Der sogenannte Entourage-Effekt beschreibt die Annahme, dass verschiedene Bestandteile der Cannabispflanze gemeinsam anders oder stärker wirken als einzelne isolierte Stoffe. Dieser Effekt ist biologisch plausibel, aber für konkrete Krankheitsbilder und Präparate bislang nicht ausreichend klinisch belegt.
Wie gut ist die entzündungshemmende Wirkung klinisch belegt?
Zwischen experimenteller Forschung und klinischer Wirksamkeit besteht derzeit eine deutliche Lücke. Zahlreiche Zell- und Tierstudien zeigen mögliche entzündungshemmende Mechanismen. Aussagekräftige klinische Studien mit größeren Patientengruppen, standardisierten Präparaten und objektiven Entzündungswerten sind dagegen begrenzt.
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
Bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa weisen einzelne Studien auf Verbesserungen von Beschwerden und Lebensqualität hin. Systematische Auswertungen zeigen jedoch bislang nicht zuverlässig, dass Cannabis eine klinische oder endoskopische Remission herbeiführt oder die Entzündung der Darmschleimhaut ausreichend kontrolliert.
Weniger Bauchschmerzen oder Durchfall können das Wohlbefinden verbessern, während die Erkrankung dennoch aktiv bleibt. Cannabis darf deshalb entzündungshemmende Standardtherapien nicht eigenständig ersetzen. Die spezifische Studienlage wird im Beitrag über medizinisches Cannabis bei Darmschmerzen näher behandelt.
Rheumatoide Arthritis
Bei rheumatoider Arthritis ist die klinische Evidenz ebenfalls begrenzt. Einige Patient:innen berichten über weniger Schmerzen oder einen besseren Schlaf. Ob Cannabis die Gelenkentzündung dauerhaft reduziert und strukturelle Schäden verhindert, ist dagegen nicht ausreichend belegt. Krankheitsmodifizierende Medikamente bleiben daher entscheidend. Sie sollen nicht nur Beschwerden lindern, sondern auch das Fortschreiten der Erkrankung bremsen. Medizinisches Cannabis kann diese Behandlung nicht ersetzen.
Multiple Sklerose und Hauterkrankungen
Bei Multipler Sklerose sind cannabisbasierte Arzneimittel vor allem im Zusammenhang mit Spastik und Schmerzen untersucht worden. Eine mögliche Linderung dieser Symptome ist nicht mit einer Behandlung der zugrunde liegenden entzündlichen Krankheitsaktivität gleichzusetzen.
Auch bei Psoriasis, Neurodermitis oder Akne werden topische Cannabinoidprodukte erforscht. Die bisherigen Ergebnisse sind jedoch zu uneinheitlich, um allgemeine Empfehlungen für Cannabiscremes oder frei erhältliche CBD-Produkte auszusprechen.
Die Art der Anwendung beeinflusst, wie schnell Cannabinoide aufgenommen werden, wie lange sie wirken und wie gut sich die Dosis steuern lässt. Bei der Inhalation setzt die Wirkung normalerweise schneller ein, hält aber meist kürzer an. Oral angewendete Extrakte wirken verzögert und länger, wobei die Aufnahme zwischen einzelnen Patient:innen deutlich schwanken kann.
Topische Produkte werden direkt auf die Haut aufgetragen. Ob und in welchem Umfang die enthaltenen Cannabinoide die tieferen Gewebeschichten oder den gesamten Körper erreichen, hängt stark von der jeweiligen Formulierung ab. Ergebnisse eines Produkts lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf andere Cremes oder Salben übertragen.
Die Darreichungsform entscheidet nicht allein darüber, ob Cannabis entzündungshemmend wirkt. Präparat, Wirkstoffgehalt, Dosierung, Erkrankung und Behandlungsziel müssen gemeinsam berücksichtigt werden. Rauchen ist als medizinische Anwendung ungünstig, weil bei der Verbrennung gesundheitsschädliche Stoffe entstehen.
Wann kann medizinisches Cannabis geprüft werden?
Medizinisches Cannabis wird nicht pauschal gegen Entzündungen verschrieben. Entscheidend sind die konkrete Erkrankung, die belastenden Symptome, bisherige Behandlungen und das individuelle Risiko.
Eine ärztliche Prüfung kann beispielsweise erwogen werden, wenn eine schwerwiegende Erkrankung mit chronischen Schmerzen oder Spastik verbunden ist und etablierte Therapien nicht ausreichend wirken oder nicht geeignet sind. Dabei sollte vor Behandlungsbeginn festgelegt werden, welches konkrete Ziel erreicht werden soll. Das kann etwa eine messbare Verringerung von Schmerzen oder eine Verbesserung der Beweglichkeit sein.
Bei einer entzündlichen Grunderkrankung müssen Ärzt:innen zusätzlich kontrollieren, ob die Krankheitsaktivität angemessen behandelt wird. Eine subjektive Verbesserung darf nicht dazu führen, notwendige Untersuchungen oder wirksame Basistherapien abzusetzen.
Risiken und ärztliche Begleitung
THC-haltige Präparate können Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, Kreislaufprobleme, Angst und Einschränkungen der Aufmerksamkeit verursachen. Sie können außerdem die Reaktions- und Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Bei regelmäßiger Anwendung besteht das Risiko einer Toleranzentwicklung und Abhängigkeit.
CBD verursacht keinen Rausch, ist aber nicht grundsätzlich nebenwirkungsfrei. Es kann unter anderem Müdigkeit, Magen-Darm-Beschwerden und Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln auslösen. Abhängig von Präparat und Dosierung kann auch eine Kontrolle der Leberwerte erforderlich sein.
Vor Beginn einer Therapie sollten Ärzt:innen daher Begleiterkrankungen, psychische Vorerkrankungen und aktuelle Medikamente berücksichtigen. Apotheker:innen können ergänzend zur Anwendung, Lagerung und zu möglichen Wechselwirkungen des verordneten Präparats beraten.
Fazit: Wirkt Cannabis entzündungshemmend?
Cannabis kann entzündungshemmende Prozesse beeinflussen. Dafür sprechen vor allem Erkenntnisse aus Zell- und Tierstudien zu THC, CBD, β-Caryophyllen und weiteren Pflanzenstoffen. Klinisch ist jedoch häufig noch ungeklärt, ob diese Mechanismen eine Entzündung ausreichend reduzieren oder den Verlauf einer entzündlichen Erkrankung verändern.
Eine Verbesserung von Schmerzen, Schlaf oder Wohlbefinden ist nicht automatisch ein Beleg für eine geringere Krankheitsaktivität. Medizinisches Cannabis kann deshalb in ausgewählten Fällen eine individuell geprüfte Ergänzung sein. Es ersetzt weder eine gesicherte Diagnose noch etablierte entzündungshemmende oder krankheitsmodifizierende Behandlungen.

FAQ zur entzündungshemmenden Wirkung von Cannabis
Ist wissenschaftlich bewiesen, dass Cannabis entzündungshemmend wirkt?
In Labor- und Tierstudien wurden verschiedene entzündungshemmende Wirkmechanismen nachgewiesen. Für die zuverlässige Behandlung entzündlicher Erkrankungen bei Menschen fehlen jedoch bei vielen Anwendungsgebieten noch ausreichend große und hochwertige klinische Studien.
Wirkt CBD stärker entzündungshemmend als THC?
Ein allgemeiner Vergleich ist nicht möglich. THC und CBD wirken über unterschiedliche Rezeptoren und Signalwege. Welche Wirkung klinisch relevant ist, hängt unter anderem von Erkrankung, Präparat, Dosierung und Behandlungsziel ab.
Kann Cannabis entzündungshemmende Medikamente ersetzen?
Nein. Bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen kann ein Absetzen etablierter Medikamente zu einer erneuten Krankheitsaktivität oder dauerhaften Schäden führen. Veränderungen der Therapie solltest du ausschließlich mit deinen behandelnden Ärzt:innen besprechen.
Hilft medizinisches Cannabis bei Arthritis?
Cannabisbasierte Präparate können möglicherweise einzelne Beschwerden wie Schmerzen beeinflussen. Ob sie die Gelenkentzündung kontrollieren oder Schäden verhindern, ist nicht ausreichend belegt. Eine rheumatologische Basistherapie können sie daher nicht ersetzen.
Sind Terpene und Cannflavine nachweislich entzündungshemmend?
Für einzelne Terpene und Flavonoide existieren interessante Labor- und Tierstudien. Eine zuverlässige therapeutische Wirkung bei entzündlichen Erkrankungen des Menschen ist daraus bisher nicht ableitbar.
Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Je nach Präparat können Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, Konzentrationsprobleme, Angst oder Wechselwirkungen auftreten. THC kann zusätzlich berauschend wirken und die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen.
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Aktualisiert am 13.08.2026