Bei einer schweren, nicht heilbaren Erkrankung steht die Lebensqualität im Mittelpunkt. Cannabis in der Palliativmedizin kann in ausgewählten Fällen dabei helfen, belastende Beschwerden zu lindern, ersetzt aber keine bewährte Behandlung und wirkt nicht bei allen Patient. Dieser Beitrag erklärt Dir, wann ein Therapieversuch infrage kommen kann, wie aussagekräftig die Studienlage ist und welche Risiken berücksichtigt werden müssen.
Das Wichtigste in Kürze
- Palliativmedizin beginnt nicht erst am Lebensende. Sie kann frühzeitig ergänzend zur Behandlung einer schweren Erkrankung eingesetzt werden.
- Cannabinoide kommen zur Symptomkontrolle infrage. Mögliche Anwendungsbereiche sind Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Appetitmangel oder Schlafprobleme.
- Die Evidenz ist je nach Symptom unterschiedlich. Für viele Beschwerden fehlen hochwertige und ausreichend große Studien.
- Eine Opioideinsparung ist nicht zuverlässig belegt. Cannabis sollte starke Schmerzmittel nicht eigenständig ersetzen.
- Nebenwirkungen sind besonders bei geschwächten und älteren Patient:innen relevant: Dazu gehören Müdigkeit, Schwindel und Einschränkungen der Aufmerksamkeit.
- Therapieziel, Präparat, Dosierung und Verträglichkeit sollten individuell festgelegt und regelmäßig ärztlich überprüft werden.
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Was bedeutet Palliativmedizin?
Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Palliativversorgung als einen Ansatz, der die Lebensqualität von Menschen mit lebensbedrohlichen Erkrankungen und ihren Angehörigen verbessern soll. Schmerzen und andere körperliche, psychische, soziale oder spirituelle Belastungen sollen möglichst früh erkannt, sorgfältig beurteilt und behandelt werden.
Palliativmedizin ist deshalb nicht mit einer ausschließlichen Versorgung in den letzten Lebenstagen gleichzusetzen. Sie kann bereits in früheren Krankheitsphasen beginnen und parallel zu Behandlungen erfolgen, die den Krankheitsverlauf beeinflussen. Ihr Ziel besteht nicht darin, das Sterben zu beschleunigen oder hinauszuzögern. Vielmehr sollen Beschwerden gelindert, Selbstständigkeit möglichst lange erhalten und Patient:innen sowie Angehörige unterstützt werden.
Eine palliative Versorgung kommt nicht nur bei Krebs infrage. Auch Menschen mit schweren neurologischen, Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen können davon profitieren. Welche Maßnahmen sinnvoll sind, richtet sich nach Deinen persönlichen Beschwerden, Bedürfnissen und Behandlungszielen.
Warum wird Cannabis in der Palliativmedizin eingesetzt?
Viele Palliativpatient erleben mehrere Beschwerden gleichzeitig. Dazu können Schmerzen, Übelkeit, Appetitverlust, Gewichtsabnahme, Schlafprobleme, Unruhe oder Muskelkrämpfe gehören. Da Cannabinoide verschiedene Funktionen des Nervensystems beeinflussen, wird untersucht, ob sie mehrere dieser Symptome lindern können.
Für die medizinische Wirkung sind vor allem Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) relevant. THC kann unter anderem die Schmerzwahrnehmung, den Appetit und Übelkeit beeinflussen. Gleichzeitig kann es berauschen und Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel, Verwirrtheit oder Angst verursachen. CBD wirkt nicht berauschend, ist aber ebenfalls nicht frei von Neben- und Wechselwirkungen.
Cannabisarzneimittel sind keine Behandlung gegen die zugrunde liegende Krebserkrankung. Ihr möglicher Einsatz beschränkt sich auf die Linderung bestimmter Symptome. Die Leitlinie der American Society of Clinical Oncology rät ausdrücklich davon ab, Cannabis oder Cannabinoide außerhalb klinischer Studien als Krebstherapie einzusetzen.

Bei welchen Beschwerden können Cannabinoide infrage kommen?
Schmerzen
Schmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden in der Palliativversorgung. Cannabinoide können die Verarbeitung von Schmerzsignalen beeinflussen. Der durchschnittliche Nutzen ist nach dem bisherigen Forschungsstand jedoch eher gering und unterscheidet sich je nach Schmerzart.
Bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen konnten hochwertige Studien bislang nicht zuverlässig zeigen, dass Cannabinoide zusätzlich zu Opioiden die Schmerzen deutlich reduzieren. Ein Therapieversuch kann dennoch im Einzelfall erwogen werden, wenn etablierte Verfahren nicht ausreichend helfen oder nicht vertragen werden. Cannabis ersetzt dabei nicht automatisch Opioide oder andere Bestandteile einer fachgerechten Schmerztherapie.
Übelkeit und Erbrechen
Am vergleichsweise besten untersucht sind Cannabinoide bei Übelkeit und Erbrechen infolge einer Chemotherapie. Dronabinol oder Nabilon können ergänzend infrage kommen, wenn leitliniengerechte Medikamente gegen Übelkeit nicht ausreichend wirken.
Cannabinoide werden dabei zusätzlich zur üblichen Behandlung gegen Übelkeit und Erbrechen eingesetzt und nicht an deren Stelle. Außerhalb einer Chemotherapie ist die Evidenz deutlich unsicherer.
Appetitmangel und Gewichtsverlust
THC kann den Appetit anregen. Ob daraus bei schwer kranken Patient:innen eine klinisch relevante und dauerhafte Gewichtszunahme oder eine bessere Lebensqualität entsteht, ist jedoch nicht ausreichend belegt.
Appetitmangel kann viele Ursachen haben, darunter Übelkeit, Schmerzen, Entzündungsprozesse, Veränderungen des Stoffwechsels oder depressive Beschwerden. Vor einem Therapieversuch sollte deshalb geklärt werden, welche Faktoren den Appetit beeinträchtigen und ob sie gezielt behandelt werden können.
Schlaf, Unruhe und Angst
Manche Patient:innen berichten, unter THC-haltigen Präparaten leichter einzuschlafen oder sich ruhiger zu fühlen. Gleichzeitig kann THC insbesondere bei einer zu hohen Dosierung Angst, Unruhe, Verwirrtheit oder Wahrnehmungsstörungen verstärken.
Für eine allgemeine Empfehlung bei Schlafproblemen oder Angst reicht die Studienlage nicht aus. Vor allem bei bestehenden psychischen Erkrankungen, kognitiven Einschränkungen oder einem Risiko für einen akuten Verwirrtheitszustand ist eine besonders sorgfältige Abwägung erforderlich.
Wie gut ist die Studienlage zu Cannabis in der Palliativmedizin?
Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 wertete 52 Studien mit insgesamt 4.786 Teilnehmenden aus. Einzelne Untersuchungen berichteten über Verbesserungen bei Schmerzen, Übelkeit, Appetit, Schlaf oder weiteren Beschwerden. Die verwendeten Präparate, Dosierungen und untersuchten Erkrankungen unterschieden sich jedoch deutlich. Zudem wurde die Qualität der Evidenz insgesamt als niedrig oder sehr niedrig bewertet. Eine allgemeine Empfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
In der Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte wurde bei fast drei Vierteln der dokumentierten Behandlungen eine Verbesserung der Symptomatik angegeben. Die Erhebung umfasste 16.809 vollständige Datensätze und liefert wichtige Informationen aus der Versorgungspraxis.
Die Daten dürfen jedoch nicht wie Ergebnisse einer kontrollierten klinischen Studie interpretiert werden. Es gab keine zufällige Zuteilung zu Behandlungsgruppen und keinen direkten Placebovergleich. Außerdem wurden nur bestimmte Behandlungen mit genehmigter Kostenübernahme erfasst. Aus der Begleiterhebung lässt sich daher nicht sicher ableiten, wie groß der Nutzen von Cannabis tatsächlich war.
Kann Cannabis den Bedarf an Opioiden senken?
Beobachtungsstudien berichten teilweise von einem geringeren Opioidverbrauch während einer Cannabistherapie. Sie können jedoch nicht belegen, dass Cannabis die Ursache für die Reduktion war.
Eine systematische Auswertung randomisierter und beobachtender Studien bewertete den möglichen opioidsparenden Effekt als unsicher. In den randomisierten Studien zeigte die zusätzliche Gabe von Cannabinoiden bei chronischen Tumorschmerzen kaum Auswirkungen auf Schmerz oder Opioidverbrauch.
Eine Anpassung von Opioiden darf deshalb nur gemeinsam mit den behandelnden Ärzt:innen erfolgen. Ein eigenständiges Reduzieren oder Absetzen kann zu stärkeren Schmerzen und Entzugssymptomen führen.
Für die medizinische Behandlung stehen standardisierte Cannabisextrakte, Rezepturarzneimittel mit Dronabinol oder Cannabidiol sowie cannabinoidhaltige Fertigarzneimittel zur Verfügung. Die Präparate unterscheiden sich in ihrer Zusammensetzung, ihren zugelassenen Anwendungsgebieten und ihrer Wirkungsdauer.
Nabiximols ist als Fertigarzneimittel für bestimmte Patient:innen mit mittelschwerer bis schwerer Spastik bei Multipler Sklerose zugelassen. Nabilon kann bei chemotherapiebedingter Übelkeit und Erbrechen eingesetzt werden, wenn herkömmliche Behandlungen nicht ausreichend wirken. Außerhalb solcher Zulassungen erfolgt die Anwendung nach individueller ärztlicher Abwägung.
Oral eingenommene Präparate setzen verzögert ein, wirken dafür meist länger. Eine Inhalation über einen medizinisch geeigneten Vaporisator wirkt schneller, lässt sich bei geschwächten Patient:innen aber nicht immer praktikabel umsetzen. Cannabisblüten sollten nicht geraucht werden, da bei der Verbrennung zusätzliche Schadstoffe entstehen.
In der Palliativversorgung ist nicht die theoretisch stärkste Wirkung entscheidend. Das Präparat sollte zu Deinen Beschwerden, Deiner Fähigkeit zur Einnahme und Deinem Alltag passen.
Nebenwirkungen und Wechselwirkungen beachten
Gerade ältere, geschwächte oder mehrfach erkrankte Patient:innen können empfindlich auf THC reagieren. Häufige Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, Übelkeit und Einschränkungen von Aufmerksamkeit oder Gedächtnis. Hinzu kommen mögliche Kreislaufprobleme und ein erhöhtes Sturzrisiko.
Bei hohen Dosierungen sind Angst, Desorientierung, Halluzinationen oder andere psychische Reaktionen möglich. Besondere Vorsicht ist bei psychotischen Vorerkrankungen, ausgeprägten Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kognitiven Einschränkungen erforderlich.
Auch Wechselwirkungen müssen berücksichtigt werden. Werden gleichzeitig Opioide, Benzodiazepine, Schlafmittel oder andere dämpfende Medikamente eingenommen, können Müdigkeit und Benommenheit zunehmen. Ärzt:innen und Apotheker:innen sollten deshalb alle Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel kennen, die Du verwendest.
Wie wird ein Therapieversuch geplant?
Vor Beginn sollten Ärzt:innen gemeinsam mit Dir ein konkretes Therapieziel bestimmen. Das kann beispielsweise eine messbare Verringerung der Schmerzen, weniger Übelkeit oder ein verbesserter Schlaf sein. Ohne ein festgelegtes Ziel lässt sich später kaum beurteilen, ob die Behandlung einen ausreichenden Nutzen bringt.
Üblicherweise wird mit einer niedrigen Dosierung begonnen und langsam gesteigert. Währenddessen werden Wirkung und Nebenwirkungen regelmäßig kontrolliert. Bleibt die erwartete Verbesserung aus oder überwiegen die unerwünschten Wirkungen, sollte die Behandlung angepasst oder beendet werden.
Medizinalcannabis ist dabei meist ein Bestandteil eines umfassenden palliativen Behandlungskonzepts.
Verordnung und Kostenübernahme in Deutschland
Cannabisarzneimittel sind verschreibungspflichtig. Seit dem 1. April 2024 werden sie grundsätzlich auf einem normalen beziehungsweise elektronischen Rezept und nicht mehr auf einem Betäubungsmittelrezept verordnet.
Für gesetzlich Versicherte gelten seit dem 30. Juli 2026 veränderte Voraussetzungen. Der gesetzliche Leistungsanspruch umfasst bei einer schwerwiegenden Erkrankung standardisierte Cannabisextrakte sowie Arzneimittel mit Dronabinol oder Nabilon. Voraussetzung ist, dass eine anerkannte Standardtherapie nicht zur Verfügung steht oder im Einzelfall nicht angewendet werden kann. Außerdem muss eine realistische Aussicht auf eine spürbare Verbesserung schwerwiegender Symptome bestehen.
Die vertragsärztliche Versorgung soll zunächst mit einem zugelassenen cannabishaltigen Fertigarzneimittel im Rahmen eines sechsmonatigen Therapieversuchs erfolgen. Getrocknete Cannabisblüten gehören nicht mehr zum gesetzlichen Leistungsanspruch der Krankenkassen.
Die erste Verordnung zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung muss grundsätzlich genehmigt werden. Bei bestimmten qualifizierten Fachärzt entfällt dieser Genehmigungsvorbehalt. Im Rahmen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung oder unmittelbar nach einer entsprechenden stationären Behandlung muss die Krankenkasse innerhalb von drei Tagen entscheiden. Welche Voraussetzungen in Deinem Fall gelten, solltest Du mit den behandelnden Ärzt und Deiner Krankenkasse klären.

Fazit: Cannabis in der Palliativmedizin individuell abwägen
Cannabis in der Palliativmedizin kann eine ergänzende Option sein, wenn belastende Beschwerden trotz etablierter Behandlungen fortbestehen oder andere Medikamente nicht vertragen werden. Am besten untersucht ist der Einsatz bei anhaltender chemotherapiebedingter Übelkeit und Erbrechen. Bei Schmerzen, Appetitmangel, Schlafproblemen und weiteren Beschwerden bleibt die Evidenz begrenzt.
Entscheidend sind realistische Therapieziele, ein geeignetes Präparat, eine vorsichtige Dosierung und regelmäßige Kontrollen. So lässt sich beurteilen, ob die mögliche Symptomlinderung die Nebenwirkungen überwiegt und die Behandlung tatsächlich zu Deiner Lebensqualität beiträgt.
Häufige Fragen zu Cannabis in der Palliativmedizin
Ist Cannabis in der Palliativmedizin ein Schmerzmittel?
Cannabinoide können die Schmerzwahrnehmung beeinflussen, sind aber kein Ersatz für eine individuell abgestimmte Schmerztherapie. Bei Tumorschmerzen ist der zusätzliche Nutzen zu Opioiden bisher nicht zuverlässig belegt.
Kann Cannabis mehrere Beschwerden gleichzeitig lindern?
THC kann verschiedene Funktionen wie Schmerzempfinden, Appetit und Übelkeit beeinflussen. Ob sich bei Dir mehrere Beschwerden gleichzeitig verbessern, lässt sich jedoch nicht vorhersagen und sollte anhand klarer Therapieziele überprüft werden.
Macht medizinisches Cannabis abhängig?
Auch medizinisch eingesetztes THC kann zu Gewöhnung und Abhängigkeit führen. In einer palliativen Situation werden dieses Risiko, die zu erwartende Lebenszeit und der mögliche Nutzen individuell gegeneinander abgewogen.
Wie schnell wirkt Medizinalcannabis?
Inhalierte Cannabinoide wirken meist innerhalb weniger Minuten. Bei oral eingenommenen Präparaten kann der Wirkungseintritt 30 Minuten bis mehrere Stunden dauern. Deshalb solltest Du die Dosierung nicht eigenständig erhöhen.
Quellen
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Aktualisiert am 22.09.2026