Viele Menschen verbinden den Geruch von Cannabisblüten mit einem süßen Aroma in der Luft, doch nicht jede Cannabisblüte duftet fruchtig oder blumig. Tatsächlich gibt es soga viele Blütenstand, die ein ausgeprägt würziges, holziges Aroma mit erdigen Nuancen besitzen. Zu den Pflanzenstoffen, die diesen Charakter mitgestalten, gehört Humulen. Das Terpen ist auch in Hopfenpflanzen zu finden und steht in Cannabis in enger Verbindung mit einem weiteren Aromastoff: Caryophyllen.
Medizinisch erhält Humulen vor allem wegen seiner entzündungshemmenden Eigenschaften Aufmerksamkeit. Auch seine Beteiligung an der Schmerzverarbeitung wird untersucht. Was macht diesen Pflanzenstoff besonders, wie unterscheidet er sich von verwandten Terpenen und welche Bedeutung hat er für medizinisches Cannabis?
Das Wichtigste in Kürze
- Charakteristisches Aroma: Humulen verleiht Cannabis holzige, würzige und erdige Duftnoten.
- Verbindung zu Hopfen: Der Name leitet sich von der Hopfenpflanze Humulus lupulus ab, in der Humulen ebenfalls vorkommt.
- Verschiedene Bezeichnungen: α-Humulen und α-Caryophyllen sind derselbe Stoff. β-Caryophyllen ist dagegen eine andere Verbindung.
- Gemeinsame Entstehung: Cannabis kann Humulen und β-Caryophyllen mithilfe desselben Enzyms bilden.
- Medizinisches Potenzial: Humulen wird insbesondere wegen seiner möglichen entzündungshemmenden und schmerzlindernden Eigenschaften erforscht. Eine therapeutische Wirkung bei Menschen ist bislang nicht ausreichend belegt.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. |
Was ist Humulen?
Humulen gehört zu den Sesquiterpenen, also einer Untergruppe der Terpene, die durch ein Grundgerüst aus 15 Kohlenstoffatomen charakterisiert wird. Im Zusammenhang mit Cannabis ist mit Humulen gewöhnlich α-Humulen (Alpha-Humulen) gemeint.
Eine Besonderheit von α-Humulen ist seine alternative Bezeichnung α-Caryophyllen. Diese geht auf seine strukturelle Verwandtschaft mit β-Caryophyllen zurück. Obwohl beide Terpene dieselbe Summenformel besitzen, unterscheiden sie sich in ihrer chemischen Struktur.
Humulen gehört zu den aromatischen Bestandteilen der Pflanze und wird deshalb im Terpenprofil einer bestimmten Sorte aufgeführt, getrennt von den Angaben zu Cannabinoiden wie THC und CBD. Einen Überblick über diese Stoffgruppe gibt unser Ratgeber zu Terpenen und ihrer Wirkung.
Wie riecht Humulen?
Humulen wird vor allem mit einem holzigen und würzigen Aroma verbunden. Dazu können erdige Nuancen kommen. Eine Untersuchung verschiedener Hopfenextrakte ordnet α-Humulen insbesondere holzige und würzige Geruchseigenschaften zu.
In Cannabis kann dieser Duft den herberen Teil eines Aromaprofils mitgestalten. Neben frischen oder süßlichen Noten entsteht dadurch ein vielschichtiger Gesamteindruck. „Holzig“ beschreibt dabei eine Geruchsassoziation und bedeutet nicht, dass die Blüte trocken oder alt ist.
Auch „kräftig” oder „würzig“ sind keine Aussagen über eine bestimmte Wirkungskraft. Der Begriff beschreibt zunächst den Duft, ähnlich wie bei Kräutern oder Gewürzen. Eine kräftig würzig riechende Blüte ist deshalb nicht automatisch stärker wirksam als eine Blüte mit einem dezenten Aroma.
Humulen besitzt außerdem keinen Geruch, der sich in jeder Mischung eindeutig herauslösen lässt. Gerade das gemeinsame Vorkommen mit Caryophyllen kann zu überlappenden Duftnoten führen. Für die Beschreibung einer Blüte ist daher das gesamte Aromaprofil interessanter als der Versuch, jeden Eindruck einem einzelnen Stoff zuzuordnen.
Was verbindet Cannabis und Hopfen?
Seinen Namen verdankt Humulen dem Hopfen, dessen botanischer Name Humulus lupulus lautet. Beide Pflanzen gehören zur Familie der Hanfgewächse. Auch ihre aromatische Zusammensetzung weist Gemeinsamkeiten auf: Neben Humulen können beispielsweise Myrcen und Caryophyllen in beiden Pflanzen vorkommen. Diese Verbindung wird auch in einer Studie zur Terpenbildung in Cannabis beschrieben.
Das erklärt, weshalb bestimmte Duftnoten vertraut erscheinen können, obwohl sie von unterschiedlichen Pflanzen stammen. Ein humulenhaltiges Cannabisprofil muss deshalb aber nicht eindeutig an Hopfen erinnern. Die übrigen aromatischen Bestandteile bestimmen mit, welche Noten hervortreten.
Humulen und Humulon – was ist der Unterschied?
Eine leicht zu übersehende Namensähnlichkeit betrifft Humulen und Humulon. Humulon ist ein Bitterstoff des Hopfens und gehört zu einer anderen Stoffgruppe. Seine Bildung wurde unter anderem in einer Untersuchung zur Biosynthese von Hopfenbitterstoffen erforscht.
Die Unterscheidung ist wichtig, wenn du Informationen zu den Eigenschaften dieser Pflanzenstoffe liest: Eine Aussage über Humulon beschreibt nicht automatisch Humulen. Auch „hopfenartig“ als Aromabeschreibung sagt nichts darüber aus, ob eine Cannabisblüte Bitterstoffe des Hopfens enthält.
Warum kommen Humulen und Caryophyllen häufig gemeinsam vor?
Cannabis bildet Terpene mithilfe spezieller Enzyme, der sogenannten Terpensynthasen. Manche dieser Enzyme stellen mehrere unterschiedliche Verbindungen her.
Eine Studie zur Terpenbildung beschrieb ein Cannabisenzym, das sowohl β-Caryophyllen als auch α-Humulen bildet. Beide Terpene können somit über denselben Herstellungsschritt der Pflanze entstehen.
Das macht verständlich, weshalb sie in Terpenprofilen häufig zusammen auftauchen. Ihre Mengen müssen dabei nicht gleich sein. Oft kann Humulen lediglich als Begleitterpen vorkommen, während Caryophyllen deutlich stärker vertreten ist.
Auch eine große Untersuchung kommerzieller Cannabisproben fand einen engen Zusammenhang zwischen den gemessenen Mengen beider Verbindungen. Ihr gemeinsames Auftreten ist damit eine charakteristische Beziehung innerhalb der chemischen Vielfalt von Cannabis.
Humulen und Caryophyllen: Verwandt, aber nicht gleich
Obwohl α-Humulen auch α-Caryophyllen heißt, ist es nicht mit β-Caryophyllen gleichzusetzen. Die beiden Stoffe besitzen unterschiedlich aufgebaute Moleküle, die beeinflussen, wie sie mit biologischen Strukturen im Körper zusammenwirken.
Ein Beispiel liefert eine Studie zu β-Caryophyllen: Sie untersuchte dessen Bindung an den CB₂-Rezeptor. Dabei handelt es sich um eine Andockstelle des körpereigenen Cannabinoidsystems, die unter anderem auf Immunzellen vorkommt. Caryophyllen kann an diesen Rezeptor binden, Humulen nicht.
Aus diesem Grund ist es in einer Produktbeschreibung keine unnötig Dopplung wenn „Humulen“ und „Caryophyllen“ nebeneinander stehen. Besonders bei medizinischen Aussagen lohnt sich die genaue Bezeichnung, damit Erkenntnisse zu den beiden Terpenen nicht miteinander vermischt werden.

Welche Wirkung hat Humulen?
Besonders interessant sind die Hinweise auf entzündungshemmende und schmerzreduzierende Eigenschaften. Die dazu beschriebenen Untersuchungen arbeiten mit isolierten Stoffen und experimentellen Modellen und helfen zu verstehen, welche biologischen Prozesse Humulen beeinflussen kann.
Humulen und Entzündungsreaktionen
Eine Studie zu entzündungshemmenden Eigenschaften untersuchte α-Humulen aus dem ätherischen Öl der Pflanze Cordia verbenacea und fand heraus, dass der Stoff ausgelöste Entzündungsreaktionen hemmte.
Das Forschungsteam beobachtete unter anderem weniger Schwellungen und eine verringerte Bildung bestimmter entzündungsfördernder Botenstoffe, die der Kommunikation zwischen Zellen dienen und Entzündungsreaktionen verstärken können.
Diese Ergebnisse zeigen, dass Humulen zur gezielten Behandlung einer entzündlichen Erkrankung eingesetzt werden könnte.
Humulen und Nervenschmerzen
Auch im Zusammenhang mit Schmerzen, die durch geschädigte oder erkrankte Nerven entstehen, wurde Humulen untersucht. Eine Studie beschäftigte sich mit verschiedenen Cannabis-Terpenen bei Nervenschmerzen, die durch eine Chemotherapie ausgelöst wurden. Die Ergebnisse des Versuchs nach verringerte α-Humulen die erhöhte Empfindlichkeit gegenüber mechanischen Reizen, die durch die Schmerzen verursacht wurden.
Dabei identifizierte das Forschungsteam einen interessanten Ansatzpunkt, nämlich dass die beobachtete Schmerzlinderung mit sogenannten Adenosin-A₂A-Rezeptoren verbunden war. Das sind Andockstellen für den körpereigenen Botenstoff Adenosin, der unter anderem an der Verarbeitung von Schmerzsignalen beteiligt ist. Humulen könnte demnach über andere Wege zur Schmerzbeeinflussung beitragen als die bekannten Cannabinoide.
Humulen und medizinisches Cannabis
Die Verbindung zur Entzündungs- und Schmerzforschung macht Humulen besonders für Patient:innen relevant, die medizinisches Cannabis zur Behandlung von chronischen Erkrankung verschrieben bekommen. Cannabinoidhaltige Arzneimittel können bei bestimmten chronischen Schmerzen einen Nutzen haben und auch Humulen spielt hierbei eine Rolle.
Für eine bestehende Cannabistherapie ist „enthält Humulen“ allerdings zunächst eine Information über das Präparat und noch keine eigenständige Indikation oder Empfehlung, die verordnete Menge zu verändern. Ob eine Blüte zur Behandlung passt, wird anhand des gesamten Präparats und des persönlichen Ansprechens ggf. gemeinsam mit dem behandelnden Arzt beurteilt.
Wie passt Humulen zum Entourage-Effekt?
Der Entourage-Effekt beschreibt die Annahme, dass Cannabinoide wie THC und CBD sowie Terpene das Wirkprofil von Cannabis gemeinsam beeinflussen können. Entscheidend wäre demnach neben den einzelnen Inhaltsstoffen auch ihr Zusammenspiel.
Auch Humulen wird in diesem Zusammenhang untersucht. Eine experimentelle Studie zeigte, dass α-Humulen in Kombination mit WIN55,212-2 die Schmerzreaktionen stärker hemmte als Humulen allein. WIN55,212-2 ist ein synthetischer Forschungswirkstoff, der bestimmte Cannabinoidrezeptoren aktiviert – also Andockstellen, über die auch THC seine Wirkung vermittelt.
Diese Ergebnisse liefern einen Hinweis darauf, dass Humulen die Wirkung von Cannabinoiden mitgestalten könnte. Ob sich dieses Zusammenspiel auch mit THC bei Patient therapeutisch nutzen lässt, muss noch untersucht werden.
Hemmt Humulen den Appetit?
Humulen wird häufig mit einer appetithemmenden Wirkung in Verbindung gebracht. Für eine verlässliche Appetitreduktion bei Menschen gibt es jedoch keine belastbaren klinischen Belege. Ein Humulenwert im Terpenprofil erlaubt deshalb keine Vorhersage darüber, ob sich das Hungergefühl während einer Cannabisbehandlung verändert.
Auch die Vorstellung, Humulen könne einen möglichen Einfluss von THC auf den Appetit einfach ausgleichen, ist nicht ausreichend belegt und stellt auch keine Empfehlung als Hilfsmittel zur Gewichtsregulierung dar.
Wenn sich der Appetit während einer Behandlung mit medizinischen Cannabis deutlich verändert, ist diese Beobachtung trotzdem relevant. Beschreibe in der behandelnden Praxis möglichst konkret, was sich verändert hat und ob es dich im Alltag unterstützt oder belastet. Da der Terpenwert allein eine solche Veränderung nicht erklärt, ist die Einschätzung des Arztes sehr wertvoll für die Behandlung.
Fazit
Humulen besitzt innerhalb der Cannabis-Terpene ein eigenes Profil: Es besitzt ein würzig-holziges Aroma und hat eine enge Beziehung zu Hopfen und β-Caryophyllen. Seine gemeinsame Entstehung mit Caryophyllen erklärt, weshalb beide Stoffe in Cannabis häufig zusammen vorkommen.
Die Forschung zu Entzündungsreaktionen und Schmerzverarbeitung eröffnet interessante Perspektiven für die medizinische Bedeutung von Humulen. Für Patient:innen ist es für die korrekte Einordnung jedoch wichtig, Aromabeschreibungen, Pflanzenbestandteile und medizinische Effekte von bestimmten Präparaten auseinanderzuhalten. So wird verständlicher, was Humulen besonders macht und welchen Platz es im Gesamtbild einer Cannabisblüte einnimmt.
Quellenverzeichnis
- Booth, J. K., Page, J. E. und Bohlmann, J. (2017): Terpene synthases from Cannabis sativa. PLOS ONE, 12(3), e0173911.
- Dalavaye, N. et al. (2024): The Clinical Translation of α-humulene – A Scoping Review. Planta Medica, 90, 664–674.
- Fernandes, E. S. et al. (2007): Anti-inflammatory effects of compounds alpha-humulene and (-)-trans-caryophyllene isolated from the essential oil of Cordia verbenacea. European Journal of Pharmacology, 569(3), 228–236.
- Gertsch, J. et al. (2008): Beta-caryophyllene is a dietary cannabinoid. Proceedings of the National Academy of Sciences.
- Biosynthesis of bitter acids in hops. A (13)C-NMR and (2)H-NMR study on the building blocks of humulone (1999). European Journal of Biochemistry.
- LaVigne, J. E. et al. (2021): Cannabis sativa terpenes are cannabimimetic and selectively enhance cannabinoid activity. Scientific Reports, 11, 8232.
- Seekins, C. A. et al. (2025): Select terpenes from Cannabis sativa are antinociceptive in mouse models of post-operative pain and fibromyalgia via adenosine A₂a receptors. Pharmacological Reports, 77, 172–181.
- Smith, C. J. et al. (2022): The phytochemical diversity of commercial Cannabis in the United States. PLOS ONE, 17(5), e0267498.
- Tripodi, G. et al. (2024): GC-MS and Sensory Analysis of Aqueous Extracts of Monovarietal American Hops, Produced Using the Synergy Pure™ Extraction Technique. Foods, 13(15), 2454.
- National Center for Complementary and Integrative Health: Cannabis (Marijuana) and Cannabinoids: What You Need To Know.
- Schwarz, A. M. et al. (2024): Terpenes from Cannabis sativa induce antinociception in a mouse model of chronic neuropathic pain via activation of adenosine A₂A receptors. Pain, 165(11), e145–e161.